Die FAZ über "Wer kocht, schießt nicht"

07. Oktober 2002

Die FAZ über "Wer kocht, schießt nicht": Kein Raum für Sentimentalität

Wenn sich in einer Spargelcreme-Suppe aus der Tüte lediglich 3 Gramm gefriergetrockneter Spargel befinden, dann muß es sich um ein Wunder handeln, wenn ein Liter heißes Wasser mit Suppenpulver nach Spargel schmeckt. Oder um etwas ganz, ganz anderes. Ob das Öffnen einer Tüte überhaupt als "Kochen" bezeichnet werden darf, der nachfolgende Vorgang gar als "Essen", ziehen mindestens zwei Personen in Zweifel. Michael Herl, Leiter des Frankfurter Stalburg Theaters und Autor des Solo-Stücks "Wer kocht, schießt nicht", das nun dort seine Uraufführung erlebte. Und seine Figur, der arbeitslose Molekularbiologe Dr. Kögel. Am Ende des Abends scheint der ganze Theatersaal bekehrt.

In Herls Ein-Mann-Show (Regie: Manfred Roth) tritt der Kabarettist und Schauspieler Ilja Kamphues an, der Menschheit das Kochen wieder schmackhaft zu machen. Als armes Würstchen Dr. Kögel betritt Kamphues die Bühne. Ein arbeitsloser Akademiker, die Frau ist davon, die Kassenbrille verspricht keine weiteren amourösen Erfolge. Dann muß der Gastwirtssohn aus dem Sauerland auch noch einen Job bei dem "Convenience Food"-Produzenten "Schnell & Lecker" annehmen. Dosenfraß soll er vorkochen, Tüten aufreißen und gefriergetrocknete Nudeln anpreisen. Statt dessen enthüllt der brottrockene Akademiker die Wahrheit über die heutige Lebensmittelindustrie. Ganz nebenbei beginnt er auf der Bühne zu kochen, gefülltes Hühnerbein mit handgemachten Tagliatelle. Daß er dabei immer mehr ins Schwärmen gerät, geradezu auftaut, verböte sich diese "Convenience"-Konnotation nicht, kann nicht ausbleiben. Obwohl Kögel seinen Parforceritt durch die moderne Eßunkultur mit den grausamen Worten beginnt: "Die Küche ist kein Raum für Sentimentalitäten." Ist sie auch nicht. Wo aus delikatem Bresse-Huhn ekelerregendes, aus Abertausenden von Hühnerleibern und -seelen zusammengeschnitztes Preßhuhn wird, ist für Sentimentalität wahrlich kein Platz. Es sei denn, man bezeichnete es als eine solche, dem beschaulichen Leben des Huhnes Berta nachzutrauern, das im Kreise der Bauersfamilie monatelang für frische Eier sorgte und schließlich von der Oma zu Suppe verarbeitet wurde.

Michael Herl, der drei der Bühnensoli für Maja Wolffs Kunstfigur Anton Le Goff verfaßt hat, ist nach zwei Jahren Abstinenz an den Schreibtisch zurückgekehrt. Herausgekommen ist eine wortgewaltige Sozial-Satire gegen alles, was das Essen in heutigen Zeiten verleidet: Menschen, die in der Fußgängerzone ihre Mitmenschen und den eigenen Magen damit beleidigen, fettiges Fast food mit den Fingern in sich hineinzustopfen. Industriebauern, die Puten züchten, deren widernatürlich dicke Brüste sie beständig umkippen lassen. Köche, die jene wäßrigen Putenbrüste in Streifen auf matschige Salate werfen und so des Deutschen neues Nationalgericht verbrechen.

Herl verteilt seinen Zorn gerecht, findet plastische Bilder und witzige Wortspiele. In Ilja Kamphues ist zudem noch der passende, durch und durch kabarettistische Dr. Kögel zur Hand. So wird das Ganze ein amüsantes Abendmenü - leicht und ziemlich kräftig gewürzt. Zumal das zum Schluß einem Zuschauer servierte Hühnergericht sich sehen lassen kann. "Superlecker" fand es zumindest die Verkosterin bei der Uraufführung. Das Rezept steht im Programmheft. (Weitere Vorstellungen heute sowie vom 1. bis 3. Oktober jeweils um 20 Uhr.)


Eva-Maria Magel, 28. September 2002