VON OBEN IST DIE WELT SO KLEIN

Ein Stück von Simone Jung und Michael Herl

Nanon: llona Strauß
Seidenberg: Johann Krummenacher
Regie & Bühnenbild: Manfred Roth
Lichtkonzeption: Herbert Huber
Toncollagen: Andreas Bayer
Puppenbau: Roland Hotz/Comedy Hall Darmstadt

Das Buch zum Stück ist erschienen im axel dielmann - verlag, Frankfurt, ISBN 3- 933974-34-8

Uraufführung am 07. November 2002 im Stalburg Theater. Dernière nach 27 Vorstellungen am 19. Dezember 2004

Auf einmal ist sie da und spricht seltene Sätze. Fällt für die Stunden zwischen Dämmerung und Morgengrauen in das Leben des verknöcherten Regisseurs Oskar Seidenberg. So hilflos scheint sie ihm, daß er sich gezwungen fühlt, sich ihrer anzunehmen. Nicht der einzige Trug, dem er aufsitzt. Nanon - ein Mädchen, eine junge Frau, ein Engel? - verführt Seidenberg zur Verletzlichkeit. Weil ihre Ohren gespannt nach innen lauschen, entspinnt sich ein Gespräch jenseits der Muster alltäglicher Selbstdarstellung. Über den Zweifel,der nicht Feind ist, sondern Freund. Über die Liebe, die gewiß nicht in der Frage wohnt, ob man Frühstückseier köpft oder nicht. Über ein Warten, das die Chance birgt, sich einmal selbst zu erwarten. Über ein Schweigen, das tönt und Hören macht. Indes kratzen die Worte unaufhörlich an Seidenbergs persönlicher Lebensgeschichte. Bis die Wunde zu bluten beginnt. Mit Nanon hoch oben über den Dächern der Stadt, gerät sein festgefahrenes Lebensgerüst gefährlich ins Wanken. So weit wagt sich Seidenberg vor, daß beide zu fallen drohen. Und wichtig wird, was vorher nichtig war. "Von oben ist die Welt so klein" ist ein poetisches Stück. Ein Anachronismus aus Worten, Musiken, Tönen, Lichtstimmungen und Puppenspiel. Ein Verrücken von Sinn und Unsinn. Ein Durcheinanderwirbeln von Gefühl und Einsicht. Es stiftet an zur Phantasie. Und zum Denken. Das Stück ist da, das Publikum auf unbequeme Weise zu verzaubern.

Und diese Nanon, man wird sie liebenwie einen kleinen Prinzen. Weises hat sie zu sagen, obwohl sie schlicht von ihrer ganz persönlichen Weltsicht spricht.
"Was ist denn Liebe? Ist sie nicht ein Gefühl? Und kann man Gefühle nicht genau bestimmen? Spaziertest Du im tiefen Winter durch den tiefen Wald, trügest bei fünfzehn Grad minus ein leichtes Sommerhemdchen, wärest barfuß in Sandalen, sagtest Du dann schlotternd und bibbernd: "Och, ich weiß gar nicht recht, ob mir kalt ist?" Nein. Die Kälte fühltest Du ganz und gar eindeutig. Würdest Dich ohne zu fragen von ihr einvernehmen lassen. Würdest sagen "Jawohl, mir ist kalt." Wieso aber kannst Du nicht mit gleicher Klarheit bei Deiner Frau empfinden?" Abermals hörte ich ein Ich reden, das mir bei all seiner Fremdheit allmählich immer sympathischer wurde: "Ach, das ist nicht so einfach. Ist"s im Februar kalt, so weiß ich genau, daß es im März wieder wärmer wird. Doch gestehe ich heute zu lieben, lasse ich mich fallen - wer garantiert mir, daß ich morgen nicht viel zu tief fallen werde und hart und schmerzend aufschlagen? Die Liebe, sie gehorcht leider nicht den Gesetzen der Jahreszeiten.2 Nanon war ernsthaft aufgebracht. Sie verstand nicht die Uneindeutigkeit des Gefühls. "Da versucht Ihr Euch also in der ewigen Haßliebe Eurer selbst sogar über die Gesetze der Jahreszeiten zu stellen? Natürlich gehorcht auch die Liebe diesen Gesetzen. Auch sie kennt ein Frühjahr, einen Sommer, einen Herbst und einen Winter. Sie kennt Regen und Sonne, Hagel und warme Winde. Aber so, wie Ihr Euch in all Eurem Streben nach einem endlosen Sommer sehnt, so meint Ihr auch, eine Liebe nicht mehr verspüren zu können, sobald in ihr nicht mehr die Sonne scheint. Aber die Sonne scheint immer, auch wenn sie von Wolken verhangen ist. Und selbst in tiefer dunkler Nacht scheint die Sonne.

"Michael Herls Stalburg-Theater kann auch anders als hessischen Ur-Humor wiederbeleben oder den Fastfood-Zeitgeist mit naturreinen Lauchstangen attackieren.Etwa leise Töne spucken. Nach den Hesselbachs und Wer kocht, schießt nicht ist hier nun Manfred Roths Inszenierung Von oben ist die Welt so klein gestartet. Der Blick von oben ist einer ins Innere eines Menschen. Sehenswert - man muss sich nur drauf einlassen.

(...)

Sowas könnte zu unerträglichem Schmus verkommen. Tut es aber nicht. Das verdankt sich zum einen Jungs und Herls Vorlage, die man auch als einen weiteren Angriff Herls auf unser mangelhaftes humanistisches Großstadtgefühl lesen kann. Zum anderen liegt der künstlerische Erfolg von Von oben . . . in Roths elegant spielerischem Bühnenbild mit Hängewänden, Podest und drei quer über die Bühne gespannten Stahlseilen. Und nicht zuletzt liegt es am überzeugenden, intensiven Spiel von Ilona Strauß und Johann Krummenacher. Wobei Strauß ihre Nanon als spitznasige Sackleinen-Marionette führt und somit als Fabelwesen auf der Bühne identifiziert." (Frankfurter Rundschau)

"Die Stille weint. Denn während die Geräusche sich überschneiden, übertönen, will niemand mehr der Stille lauschen. Dabei ist die Stille doch der Grund, auf dem sich die Töne abbilden. Ohne Stille keine Klänge. "Von oben ist die Welt so klein", ein Stück von Simone Jung und Michael Herl, das jetzt im Frankfurter Stalburg Theater seine Uraufführung hatte, widmet sich mit viel Mut zum Anachronismus dem leisen Staunen, das die lauten Gewißheiten sanft, aber bestimmt zum Schweigen bringt. (...) Der märchenhaften, aber überhaupt nicht kitschigen, durch unaufdringliche Lichtführung und prägnante Toneinspielungen unterstrichenen Atmosphäre mag man sich dann doch einfach nicht entziehen. Und so hört man sich auch gerne noch mal an, daß die Liebe Reifephasen wie die Jahreszeiten und ein jedes Ding, vom Dach aus betrachtet, seine eigene Geschichte hat. Die Welt klingt, man muß nur zuhören, denn die Wahrheiten des Lebens sind nicht nur schlicht, vor allem sind sieleise."(FAZ)