Le-Thanh Ho "Elephant"

Matinee

„Der Elefant ist ein kluges Tier. Man sagt, dass er verzeiht, aber nichts vergisst. Und unter der dicken Haut schlägt ein großes Herz.“Was die in München geborene und heute in Berlin lebende Liedermacherin Le-Thanh Ho über das Tier sagt, nach dem sie ihr Debütalbum benannt hat, lässt sich nur zum Teil auf sie selbst und ihre Kunst übertragen.

Herz findet sich reichlich in den neun hoch emotionalen Songs auf „Elephant“. Klug sind diese Texte auch. Doch ob die Autorin dieser feinnervigen, oft unverblümt autobio- grafischen Lieder auch so eine dicke Haut hat? Oder nicht vielmehr eine besondere Form der Dünnhäutigkeit dieses Album überhaupt erst möglich machte?

„Aus den Textfragmenten, Gedichten, Traumnotizen und Gedanken, die ich seit Jahren in Büchern festhalte, kristallisieren sich Themen heraus: Heimatlosigkeit. Einsamkeit. Verlorenheit, Schwermut. Und immer wieder diese Wut, die es mir möglich macht, mich gegen all das aufzulehnen“, beschreibt Le-Thanh Ho ihre spezielle Form der Materialsammlung.

Die Tochter vietnamesischer Flüchtlinge, die als Sängerin einer Ska-Punk-Band ihre ersten Schritte in die Musikszene setzte, später Musical-Erfahrung machte und danach eine Schauspielausbildung (nach der Strasberg-Methode) absolvierte, setzt ihre Gedanken und Metaphern in ihren Texten wie Farbpunkte eines impressionistischen Gemäldes ein. „Das ganze Lied gibt im Idealfall dann im Zuhörer ein eigenes Bild einer Empfindung. Eine Emotion ist meiner Meinung nach keine klare Farbe. Sie ist ein Farbenorkan eines Tons und erst in der Tiefe und in den Tausenden von Nuancen und deren Mischungen möchte ich mich ihr annähern“, sagt Le-Thanh.

Zusammen mit ihrem engsten Freund, Gitarristen und Produzenten Flemming Borby und einer kleinen Gruppe eingeschworener musikalischer Mitstreiter kleidet sie diese impressionistischen Songpoeme in eine Musik, in der sich Charakteristika des Chanson, des deutschen Pop, von Ambient Musik und Klassik und Manchem mehr auf erfrischend eigenwillige Art mischen.

Ihre emotionale Sprengkraft und ungeheure Faszination bekommen die neun Songs aber durch Le-Thanhs Entschlossenheit, auf den Schutz einer dicken Haut zu verzichten: “Ich könnte anders, aber ich kann nicht, ich habe das Gefühl, es dem Publikum schuldig zu sein, kompromisslos offen zu sein, sonst macht das, was ich mache, keinen Sinn, und ich verschwende meine und des Zuhörers Zeit, wenn man nicht in mich hineinschauen kann. In meine Wunden. In meine Freuden. Und in eine Menschlichkeit, die wir alle gemeinsam haben.“

https://vimeo.com/102322108