Die Geschichte

Das Stalburg Theater – von damals bis heute

1998/1999

Es war ein trüber Tag im Jahre 1998, da kreuzten sich im Nordend die Wege zweier stattlicher Herren. Der eine, Fritz Reuter, besaß ein imposantes, im 15. Jahrhundert erbautes, Anwesen mit Kelterei, Gastwirtschaft und Saal. Der andere, Michael Herl, hatte nichts außer einem Hirn voller schräger Ideen. Der eine galt als seriöser Geschäftsmann mit angeborenem, gesundem Mißtrauen gegenüber allem Neuen, der andere als zwar erfolgreicher Schreiber und Filmemacher, der jedoch die Segnungen der Betriebswirtschaft als etwas Unberührbares aus dem Leben der anderen empfand, um sich flugs von einer Waghalsigkeit in die nächste zu stürzen. Es trafen sich also zwei Grundverschiedene – doch es trat ein, was niemand vermutete: Aus dem dicken Yin und dicken Yang wurden Arsch und Eimer. Reuter hatte schon unzähligen redeseligen gegelten Fatzkes eine Abfuhr erteilt. Chill-Out-Partys wollten sie in seinem schönen Saal veranstalten, Events und sonstiges Teufelszeugs, womöglich gar seinen selbstgekelterten Schoppen süß spritzen. Herl hingegen hatte irgendwas von „Theater“ gebrabbelt und ansonsten sein Maul gehalten. Das fand der Reuter gut. Er sagte „mach“, und fertig war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Fritz Reuter hatte also den Anfang des Stalburg Theaters ermöglicht. Doch wie weiter? Wie baut man ein Theater? Braucht man da Genehmigungen? Was tun? Es gab nur eins: Freunde fragen. „Du mußt möglichst schnell möglichst berühmt werden“ riet Tigerpalast-Chef Johnny Klinke, „die Ämter kommen dann schon von selbst“. Außerdem legte er noch 3000 Mark Starthilfe auf den Tisch und resümierte: „Die einzige Antwort auf den Tigerpalast kann nur die Stalburg sein“. Ralf Scheffler von der Batschkapp stiftete eine kleine Bühne, Uwe Heller von MBF Filmtechnik einige Scheinwerfer auf Stativen, Claus Fokke Wermann packte mit an – und los ging´s. Den Anfang machte Maja Wolff, der Herl zuvor die Figur Anton Le Goff erfunden hatte (mit der damals noch unbekannten Sabine Fischmann am Flügel), es folgten Herls Kumpels Helmut Ruge und Ilja Richter (leider schwach besucht, da keiner dachte, daß es der echte sei), schließlich Anne Bärenz und Frank Wolff, Jo van Nelsen, Andreas Schmid-Martelle und viele andere. Flugs war ein kleines Boudoir der Frankfurter Künstlerszene entstanden ­– so, als wäre da nie etwas anderes gewesen.

2000

Noch war die Zukunft ungewiß. Gespielt wurde fast nur am Wochenende. Wir hatten eine gute Presse, aber sonst kaum was. Doch dann, im Jahre 2000, kam Herbert Huber. Er machte aus einem Haufen alter Scheinwerfer eine ernstzunehmende Bühnentechnik. Er sei schließlich nicht „auf der Nudelsupp dahergeschwomme“ sagte er, „geht net, gibt´s net“. Es ging. Und wie! Im gleichen Jahr trottete eine „Gruppe 97“ zu uns, im Gepäck eine Idee, die „Familie Hesselbach“. Huber und Herl kriegten große Ohren.

2001

„Im Radio hört man nichts außer Bin Laden und Familie Hesselbach“, meinte Fritz Reuter im Spätjahr 2001, als er draußen im Hof seinen Apfelwein kelterte.



Seit der Premiere am 4. Oktober 2001 war unsere „Familie Hesselbach“ ausverkauft, und sie ist es noch heute.

Die „Gruppe 97“ wurde zum „Ensemble Stalburg Theater“, Kollek, der Parodist aus Speyer stieß zu uns, die U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern kamen daher, ebenso immer öfter das Neue Frankfurter Schulorchester mit Frank Wolff, Anne Bärenz, Sabine Fischmann und Markus Neumeyer.

2002

Im Geburtsjahr unseres Spruchs „Voll im Trend? Och nö“ machten wir ihm auch gleich alle Ehre. Als Leute wie Tim Mälzer noch im Lehrlingskeller Kartoffeln schälten, schmorten wir bereits ein Huhn auf der Bühne.


„Wer kocht, schießt nicht“ (Premiere 26.9.2002) wurde mit bislang rund 420 Aufführungen zum meistgespielten Theaterstück Frankfurts und „Schnell und lecker“ zum weithin bekannten Markenlogo.

Davon träumen andere doch nur. Somit hat Ilja Kamphues bis heute 420 Hühnerbeine entbeint – und ein Ende ist nicht absehbar.

2003

Das Stalburg Theater war und ist für Überraschungen gut. Mit „Von oben ist die Welt so klein“ gelang 2003 ein Ausflug ins Melancholische, in die Stille, ins redselige Schweigen. Gespielt von Ilona Strauß und Johann Krummenacher gelang der Versuch, im schönen Saal mit seiner prima Akustik auch einmal der Behutsamkeit ihren Raum zu gönnen. Fortsetzung folgt. Bestimmt. Irgendwann.

Petra Gismann konnte endlich ins Boot geholt werden, der Vergnügungsdampfer Stalburg Theater geht nach fünf Jahren Binnenschipperei auf Große Fahrt. Da paßte doch die neue Produktion „Edgar Wallace – Das Gasthaus an der Themse“ unseres Ensembles genau. Ein Stück mit Harpunen, Tauchern und Schmugglern. Für Tohuwabohu auf der Bühne sorgte Nenad Šmigoc mit seinem „Sperrmüll“.

Klar, daß ein neues, altes, charmantes, kleines, großes Theater im Frankfurter Nordend wie geschaffen ist für die wahre Intelligenzija der Stadt: Die Neue Frankfurter Schule. Robert Gernhardt, F.K. Waechter, F.W. Bernstein, Pit Knorr, sie kamen immer öfter und immer lieber. 2003 erklommen sie schließlich zum ersten Mal unsere Bühne mit „Erna, der Baum nadelt“. Greser und Lenz zeichneten dafür eigens ein Plakat. Die U-Bahn-Kontrollöre hatten uns da schon längst zur „Homebase“ erkoren. Doofes Wort – aber danke.

2004

Das Stalburg Theater ist in vielfacher Hinsicht anachronistisch. So versprechen wir gelegentlich jungen, hoffnungsfrohen Talenten „Du darfst so lange bei uns spielen, bis Du ausverkauft bist“. Das kostet uns Geld, klar. Aber wenn wir viel verdienen wollten, würden wir kein Theater machen. Und manchmal geht die Rechnung sogar nicht nur idealistisch auf. 2004 gaben wir gleich zwei Talenten das begehrte Versprechen – und beide sind nun bundesweite Größen im Kabarett: Claus von Wagner und Mathias Tretter.


Frühjahr 2004. Uns war langweilig. Schon wieder stand so ein langer, doofer Sommer bevor, in dem kein Schwein ins Theater geht, man also pausieren muß. Doch nicht mit uns. Allen Warnungen von Gastro-Experten, Eventhansels und sonstigen Superexperten zum Trotz machten wir etwas, was angeblich gar nicht zu machen geht: Ein vierwöchiges Festival im Günthersburgpark mit Theater, Kabarett, Lesungen und Musik – und das bei freiem Eintritt. STOFFEL ist mittlerweile bundesweit ein Begriff. Was mal wieder beweist: Klar hat man keine Chance. Man muß sie halt nutzen.

Und im Herbst kam dann „Es ist ein Dschungel da draußen, Baby“ (Premiere 20.10.2004). Wieder sowas Unerwartetes. Eine Komödie, passend zum Zeitgeist – egal was das ist und jemals war. Im Auftrag des Stalburg Theaters geschrieben von der szenekundigen Journalistin Silke Hohmann, gespielt von Alison Rippier und Thomas Rausch (Ensemble Stalburg Theater). Wir gaben das Stück stolze 51 Mal, dann war der Zeitgeist schon wieder woanders. Die Generation Golf fuhr BMW, und unser Stück war von vorgestern. Doch genauso war das geplant.

2005

2005 war kein schönes Jahr. Im August hatte sie uns noch kurz beim STOFFEL besucht, am 2. September verstarb sie: Unsere liebe Anne Bärenz. Sie war eine der ersten, die unser Theater zu ihrem künstlerischen Wohnzimmer erkoren hatten, ohne sie und ihre klugen Ratschläge wären wir heute nicht das, was wir sind. Anne Bärenz hinterließ eine Lücke, die wir nie werden füllen können. Dennoch: „Play On“ hieß eines ihrer letzten Programme. Klar, wir spielten weiter. So trat Frank Wolff schon wenige Tage später solo bei uns auf. Es war ein bewegender Abend, ein trauriger. Aber auch ein kraftspendender. Zur Premiere brachten wir in 2005 „Neumann nach Berlin.“ mit Ilja Kamphues, und die KfW Bankengruppe wurde Hauptsponsor des Stalburg Theaters.

2006

Unser Hausregisseur Manfred Roth betritt nach vielen wunderbaren Inszenierungen nun als Elfriede Hirschmann in „Reststrom“ mal selbst auf unsere Bühne. Und wir haben uns mal wieder was Schönes überlegt: unsere Treuebembelaktion „Kauf ein, geh aus“ startet und läuft und läuft und läuft...



Zu Ehren von Anne Bärenz beschließen wir  selbst eine CD herauszubringen und gründen auch gleich die „Stalburg Theater Tonträgerei“. Andere würden das „Label“ nennen.  Unsere erste CD mit dem Besten von Anne erscheint im Mai. 

Im November folgte „Wenn Winter ist, will Eis ich schlecken“, eine Anthologie mit verschiedenen Texten zum Thema „Winter“.


Und im Theater brachte unser Ensemble im Herbst zwei neue Folgen der Familie Hesselbach „Das Dreckrändchen“ auf die Bühne.

2007

Es gibt ja so allerlei Formen in der Bühnenkunst; am wenigsten feuilletonfähig ist wohl die Operette – genau deswegen haben wir eine inszeniert. „Wiener Blut – Die wahrscheinlich kleinste Operette der Welt“ mit den unglaublich schönen Ingrid EL Sigai und Monica Ries und außerdem noch mit Markus Neumeyer. Was für ein Spaß! Im gleichen Jahr gaben wir wieder eines unserer begehrten Versprechen: So lange spielen, bis sie ausverkauft ist, darf Uta Köbernick.

2008

Und klar, so eine richtige klassische Komödie hatten wir auch noch nicht. Also kam im Frühjahr „Gatte gegrillt“ von der englischen Erfolgsautorin Debbie Isitt, mit Stefani Kunkel, Angela Waidmann und Nenad Šmigoc, der auch inszenierte.

Und weil er so gerne schreibt setzte sich der Herr Herl hin und schrieb mal was. Mal was lustiges, ausnahmsweise. Raus kam „Brumm, Brumm“ ein Lustspiel Mit Heinz Harth, Ilja Kamphues und Nenad Šmigoc.




Und dann war da noch ein Jubiläum zu feiern: Das Stalburg Theater wurde 10 Jahre alt. Es gab ein rauschendes Fest mit ganz vielen Künstlern und natürlich durfte eine Festschrift nicht fehlen. Und weil, das Stalburg Theater das Stalburg Theater ist, sah die etwas anders aus als eine normale Festschrift, es war ein Klebebildchen-Sammelheft. Man munkelt, daß es bis heute Menschen gibt die noch immer auf der Suche nach dem einen oder anderen raren Künstler-Klebebild-Exemplar sind.


2009

Kaum war das Jubeljahr verklungen, hatte uns die Realität schmerzlich eingeholt. Den Nachbarn waren wir zu laut. Es wurde gemessen und geprüft, und dem Theater drohte nach so vielen erfolgreichen Jahren die Schließung, wenn nicht ganz schnell mal teuer umgebaut wird.

Wir haben gerechnet und brauchten rund 200.000 €. Nach dem ersten Schock haben wir in die Hände gespuckt. Herbert Huber zog auf die Baustelle, und Petra Gismann und Michi Herl gingen auf die Suche nach der Kohle. Es folgten Spendenaufrufe, und es folgten Spenden. Von einem grandiosen Publikum, das uns nicht im Regen stehen lassen wollte und uns bereits in den ersten Wochen schon 70.000 € an privaten Spenden zur Verfügung stellte. Die Stadt sprang uns bei und zuguterletzt kam die FES ins Boot. Und Dank unseres Herrn Huber war der erste Teil des Umbaus pünktlich zum Start der neuen Spielsaison im September geschafft. Und wir haben trotz allem nicht nur eine sondern gleich zwei neue Produktion auf die Beine gestellt. Mit Beginn der Herbst-Spielzeit kam „Das Mädchen Rosemarie“ mit dem Ensemble Stalburg Theater und im Oktober dann „Herzscheiße“ mit Jule Richter. Der Herr Herl hatte nämlich auch noch Zeit zu schreiben. Und Stoffel gab es natürlich auch.

2010

Es wurde Zeit, daß auch mal eine Frau ein Stück für uns schreibt und so hat sich Alexandra Maxeiner hingesetzt und „Rapunzel-Report“ mit Stefani Kunkel für uns geschrieben und gleich auch noch die Regie geführt. Zusammen mit dem Theater im Depot in Dortmund produzierten wir „Der Herr Karl“ von Helmut Qualtinger und zwar mit dem Herrn Scheuring.

Im Sommer konnten wir die 2. Phase des Umbaus beginnen und erfolgreich beenden. Seit dem erstrahlt unser Theater in neuem Glanz und hat trotzdem seinen Charme nicht verloren. Wir können es halt. Dann gab es noch eine gemeinsame Produktion von „Venedig im Schnee“ mit den Mainzer Kammerspielen. Und Manfred Roth inszenierte endlich Shakespeare im Stalburg Theater. „Viel Lärm um nichts“ mit Jule Richter, Heinz Harth und Nenad Šmigoc.

2011

Wieder ein neues Gesicht in den Reihen. Katja Lehmann inszenierte „Die Baronin und die Sau“ von Michael Mackenzie mit Jule Richter und Uta Köbernick, die mal wieder Lust auf Theater hatte.

Und noch eine neue Idee: Wir spielen in einem Nachtclub! Einher damit ging auch eine neue Schauspielerin: Die charmante Österreicherin Patricia Aulitzky gab mit Nenad Šmigoc unsere Version von Schnitzlers „Traumnovelle“ in der Pik Dame im Bahnhofsviertel. 


 Zweimal im Monat, ein ganzes Jahr lang. Kein Wunder, daß dann auch das Schauspiel Frankfurt die Rotlichtbar zur Spielstätte erkor. Wir hatten halt mal wieder einen Trend gesetzt.

Was Brecht und Weill konnten, können wir auch. Und so nahmen wir uns im Herbst 2011 die „Beggar´s Opera“ und brachten unter der Regie von Manfred Roth „Die Bettleroper“ mit Ingrid El Sigai, Monica Ries und Markus Neumeyer auf die Bretter des Hauses.

2012

Neue Frauen braucht das Land? Voilà. Ellen Schulz gibt ihr Stalburg-Regie-Debüt, auf der Bühne ihre Namensbase Ilona Christina Schulz, sowie Uwe Gerritz und Nenad Šmigoc. Das Stück: „Der letzte Husten“ von Alexandra Maxeiner, eine Auftragsarbeit des Stalburg Theaters. Die Presse jubelt. Wir auch.