Die Frankfurter Rundschau über RAPUNZEL-REPORT

11. Januar 2010

Die Frankfurter Rundschau über RAPUNZEL-REPORT: Alter Zopf – "Rapunzel-Report" im Stalburg Theater

Es war einmal völlig unüblich darüber zu sprechen, was eigentlich passiert, wenn sie nicht gestorben sind und noch heute leben. Aber auch in diesen Tagen denkt das nicht jeder Märchenfreund zu Ende. Wie belastend es für Rapunzel ist, allabendlich einen nicht mehr jünger und dünner werdenden Mann an ihrem Zopf in den dritten Stock hochklettern zu lassen. Oder was für eine heikle Frau es war, die einst nicht ohne Grund den Frosch an die Wand warf. Märchenglück basiert auf Jugend, Schönheit und seltsamen Vorlieben. Was soll später daraus werden? Der "Rapunzel-Report" von Alexandra Maxeiner (Text und Regie) und Stefani Kunkel (Text und Darstellung) geht auf dieses Thema jetzt im Stalburg Theater in Frankfurt ein.

Stefani Kunkel steht dabei im Zentrum einer aufschlussreichen Szenenfolge, in der mehr oder minder märchenhafte Beziehungsmodelle vorgeführt werden. Das Gelbe vom Ei ist nicht dabei. Umso angenehmer ist das für das Publikum. Schön, dass die Frau und der Ex-Frosch noch Spaß daran haben, mit einem goldenen Ball zu spielen - sie wirft, er schnappt -, aber noch schöner ist ein Streit, der sich mit dem fatalen Satz "Kann ich bitte die Butter haben" anbahnt. Denn es gibt nichts, worüber sich ein Ehepaar nicht zanken kann.

Wenn Stefani Kunkel ihren ehemaligen Prinzen (oder Interviewer oder künftigen Prinzen) leibhaftig benötigt, gibt es dazu eine Filmeinspielung oder Fotos. Unschwer ist letztlich immer Nenad Smigoc darauf zu erkennen. Meistens kommt Kunkel aber alleine aus, im regen Monolog über verflossene, denkbare, zu erhoffende Freuden zu zweit. Sie ist die scharfe Schnalle Dornröschen, die sehr lebhaft wirkt, kurz bevor sie geweckt wird. Wie das geht? Darüber wundert sich D. selbst. Sie ist Aschenputtel im Glück, und um glücklich zu sein, muss man sich eben ein wenig anstrengen. Sie ist die verlassene Ehefrau, die Albtraum-Schwiegermutter, die rustikale Frankfurter Dauerwellen-Putzkittel-Trägerin, die alles weiß und alles kennt.

Insofern ist der "Rapunzel-Report" auch ein äußerlich karnevalistisches, innerlich ausgenüchtertes Beziehungskabarett im Allgemeinen. An solchen Stellen ist besonders gut zu sehen und zu hören, wie Alexandra Maxeiner und Stefani Kunkel in Text und Ton das Normalste nur wenige Zentimeter ins Groteske herüberholen. Das reicht völlig aus. Und auch wenn Rapunzel ihrem Mann beim Klettern helfen will, ist das kaum anders, als die üblichen Zurufe beim Ausfahren aus der schmalen Garage. Und wenn er dann doch herunterfällt, hat das auch sein Gutes. Gleich lässt sich Rapunzel einen Friseurtermin geben.


Judith von Sternburg, Montag, 11. Januar 2010

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