Die Frankfurter Rundschau über "Das Gasthaus an der Themse"

27. September 2003

Die Frankfurter Rundschau über "Das Gasthaus an der Themse": Kinski ist immer tot

Der Höhepunkt des TV-Grusels begann einst mit einem Schuss im Dunklen, dann kam eine Stimme aus dem Off: "Hallo, hier spricht Edgar Wallace." Gebannt saßen wir vor der Glotze und sahen den furchtbaren Geschehnissen zu. Das Böse war allgegenwärtig, meist personifiziert in Gestalten, die Hexer, Zinker oder Frosch hießen, bizarre Verkleidungen trugen und mit skurrilen Waffen meuchelten. Einer der Bösewichte war der Hai. Aber dieser Name ist nicht mehr geläufig, er tauchte im Titel des zugehörigen Films nicht auf. Der hieß Das Gasthaus an der Themse und ist der Stoff, mit dem das Ensemble des Stalburg-Theaters die Frankfurter nun in Angst und Schrecken versetzt.

Das Gasthaus ist die finstere Spelunke "Mekka", Hort allerhand bösen Geschehens, Zuflucht vieler zwielichtiger Gestalten in einem klassischen Wallace-Plot, den kein Mensch nachzuerzählen imstande ist: Es geht um Diamantenraub, vertauschte Kinder, eine junge Frau in Bedrängnis, eine Erbschaft und den Hai, den geheimnisvollen Oberschurken im Taucheranzug, der seine Opfer mit einer Harpune erlegt. Inspektor Wade von Scotland Yard hat sich durch dies Geflecht der Bösen, Halbbösen und Ahnungslosen zu kämpfen. Am Ende ist der Schurke tot, die junge Frau gerettet, die Mitwisser sind verhaftet. Ein paar nebensächliche Zeitgenossen mussten sterben, Klaus Kinski auch, denn der ist am Schluss immer tot.

Es war aber diesmal nicht Klaus Kinski, sondern Thomas Rausch, der einen geheimnisvollen Gewürzhändler spielt. Und den Arzt Dr. Collins, seine Arzthelferin, einen Matrosen, einen Fisch und eine Großaufnahme. Denn die Kulissen- und Rollenschlacht will organisiert sein. Das tut Regisseur Manfred Roth kurz und bündig: Alle haben mindestens fünf Rollen zu spielen. Neben Rausch geben Alison Rippier, Thomas Hartmann, Steffen Schwarz und Harald Uhrig die Lebenden wie die Toten und alle außerdem ein Schiffshorn. Die Requisiten sind abstrahiert: Was es sein soll, steht zur Not auf einem Pappdeckel. Nach der Familie Hesselbach hat das Ensemble des Stalburg Theaters nun einer weiteren Ikone deutschen Fernsehschaffens der sechziger Jahre ein Denkmal gesetzt. Stets am Rande von Chaos und Slapstick sich bewegend, den nächsten Brüller schon in der Hosentasche. Doch ist das Treiben nicht auf Bierzelt-Niveau, sondern eine ziemlich angemessene Umsetzung des Original-Drehbuchs. Wenn dann Alison Rippier und Thomas Rausch quer durchs Publikum einen Unterwasserkampf in Taucheranzügen simulieren, weiß man: hier sind begnadete Akteure am Werk - kein Zuschauer wurde von der Harpune getroffen. Nur eines irritiert: Es ist alles in Farbe! Wer sich wie wir ausschließlich mittels Wallace-Krimis ein England-Bild machte, ist verblüfft. Unser Leben lang haben wir diesen Pfuhl des Verbrechens gemieden. Müssen wohl doch mal hinfahren.


Daniel Bartetzko, 27. September 2003

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