Die FR über "Arsen und Spitzenhäubchen"

10. September 2012

Die FR über "Arsen und Spitzenhäubchen": Ohne Cary Grant - hart, aber möglich – Die Stalburg mit "Arsen und Spitzenhäubchen"

Die Mixtur ist bekannt und wirksam: Ein Löffelchen Arsen, eine Prise Strychnin und ein Hauch Zyankali, das Ganze aufgelöst in einem Fläschchen Holunderwein (der Holunder wächst auf dem Friedhof nebenan), und schon hat man das perfekte Mittel, um alleinstehende alte Herren vor der Einsamkeit im Alter zu bewahren. Teddy Roosevelt begräbt die sterbliche Hülle im Panamakanal im Keller. Joseph Kesselrings Komödie "Arsen und Spitzenhäubchen" hatte 1941 auf dem Broadway Premiere und wurde dort über drei Jahre hinweg knapp 1 500 Mal aufgeführt, bevor die 1944 erstmals gezeigte Filmversion die Geschichte um die beiden mordenden Schwestern Abby und Martha Brewster zu einem internationalen Erfolg machte; nicht zuletzt dank des beinahe überhysterischen Cary Grant in der Hauptrolle des Theaterkritikers und Schriftstellers Mortimer Brewster, der feststellen muss, dass seine liebreizenden und wohltätigen Tanten in Wahrheit Massenmörderinnen sind.

Das Stalburg Theater bringt nun unter der Regie von Manfred Roth "Arsen und Spitzenhäubchen" erneut auf die Bühne, und er eröffnet seine Inszenierung mit gleich zwei Verfremdungseffekten: Zum einen werden Abby und Martha von männlichen Schauspielern (Steffen Schwarz und Harald Uhrig) gespielt, beide tüchtig ausgestopft, mit Perücken ausstaffiert und im besten Tuntensprech geübt, Schwarz dabei noch unrasiert. Das macht sich prächtig. Zum anderen kommen, nicht zum ersten Mal, Esther Himmighofens Puppen zum Einsatz, und das nicht nur, um Nebenrollen auszufüllen. So hat Thomas Rausch sozusagen eine Dr.-Jekyll-and-Mr.-Hyde-Rolle als Mortimer und dessen Bruder Jonathan, der nach diversen Gesichtsoperationen durch Dr. Einstein (Alison Rippier als Chirurgin und Mortimers Verlobte Elaine) dem Frankenstein-Darsteller Boris Karloff (der am Broadway tatsächlich den Jonathan spielte) zum Verwechseln ähnlich sieht.

Knapp zweieinhalb Stunden dauert die Inszenierung, inklusive einer Pause, und es wäre gelogen zu behaupten, dass man das Ganze nicht auch ein wenig straffer hätte durchspielen können. Doch letztendlich lebt der Abend von Schwarz' und Uhrigs überzeugender Tantenhaftigkeit, und er lebt nicht schlecht davon. Thomas Rausch hält mit Mortimers Fassungslosigkeit und Panik arg hinterm Berg. Man wartet immer auf Cary Grants weit aufgerissene Augen. Stattdessen gepflegtes Erstaunen. Geht ja auch.


Christoph Schröder, Montag, 10. September 2012

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