Die FAZ über Mathias Tretters englischsprachiges Programm

24. April 2015

Die FAZ über Mathias Tretters englischsprachiges Programm: Es hat eingeschlagen – Mathias Tretter auf Englisch im Stalburg Theater

Wo, wenn nicht hier? Im Frankfurter Stalburg Theater also, auf dessen Bühne Mathias Tretter schon stand, als ihn außerhalb von Würzburg noch praktisch niemand kannte. Dort, wo das Publikum den längst auf allen deutschen Brettlbühnen bekannten Kabarettisten schon seit zehn, zwölf Jahren schätzt. Und doch, Tretters erstes englischsprachiges Programm "Not with a bang but a whimper", das er nun in der Stalburg vorstellte, ist ein ebenso mutiges wie heikles Unterfangen.

Weniger, weil der Künstler des Englischen nicht mächtig wäre. Tretter, der während seines Studiums ein Jahr im schottischen Edinburgh verbracht hat, beherrscht die Sprache im Gegenteil bemerkenswert gut. Angesichts der fast ausschließlich deutschsprachigen Zuschauer hält man den Abend freilich erst einmal für eine Schnapsidee. Und Tretter selbst - "Oh, so I could do it in German" - tut das insgeheim womöglich auch. Aber ach, auf Deutsch, das geht natürlich nicht. Schließlich will er in Frankfurt testen, ob der Abend floppt oder nicht, ob er auf der Bühne funktioniert. Und manches ist anders, als man es aus den bislang fünf Soloprogrammen des Kabarettisten kennt.

Immerhin ist Tretters erstes fremdsprachiges Programm keineswegs aus einer Laune heraus entstanden oder weil der Künstler auf Kosten seiner Agentur halt mal ins Ausland fahren will. Er hat "Not with a bang" vielmehr für ein von der deutschen Botschaft arrangiertes Gastspiel in Kanada geschrieben. Und das hat Folgen. Durchaus komische zunächst, vor allem, was den Inhalt des Programms angeht. Gilt es doch, dem Publikum in Ottawa und in Toronto nicht allzu viele Details europäischer Befindlichkeit zuzumuten. Deutschland ist in Nordamerika nun einmal weit weg. Und überdies auch ziemlich klein.

Tretter spielt zunächst virtuos mit Klischees, um am Beispiel der auch im Ausland mit monarchischer Entschiedenheit auftretenden Königin Angela I., anhand griechischer Kulinarik und schottischer Trinkgewohnheiten die Unterschiede zwischen kontinentaleuropäischer und angelsächsischer Kultur und Politik, zwischen Schimpfwörtern und anderen Bräuchen satirisch zu erläutern. Und was große Politik im Zeitalter von IS, Ebola und Klimawandel in der Alten Welt von heute noch vermag: nicht viel, ist man geneigt zu bilanzieren, regt man sich in Europa doch lieber über einen womöglich nie gezeigten Mittelfinger auf.

Folgen hat die Entscheidung für eine andere Sprache indes vor allem in formaler Hinsicht. Ist doch das Wort im Grunde alles, was klassischen Kabarettisten auf der Bühne zur Verfügung steht. Der vorwiegend im deutschsprachigen Raum beheimatete Brettlkünstler und der Comedian angelsächsischer Schule mögen sich hinsichtlich des jeweiligen Humors mitunter nur in Nuancen unterscheiden, sie bleiben Vertreter unterschiedlicher Traditionen. Mag sein, auf deutschen Bühnen wird man das Programm nicht allzu häufig sehen. Doch wie Tretter das meistert, wie er das Potential der fremden Sprache zu nutzen versteht, anstatt sein aktuelles Programm für das kurze kanadische Gastspiel einfach ins Englische zu übersetzen, das macht den Reiz des Abends aus.



Am 14. Mai ist Mathias Tretter zusammen mit Sven Kemmler für einen "Schottenabend" im Frankfurter Stalburg Theater zu Gast. Mit seinem aktuellen Programm "Selfie" steht er am 11. Juni wieder auf der Stalburg-Bühne.


Christoph Schütte am Freitag, dem 24. April 2015

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