Die FAZ über Capain's Dinner

09. Januar 2017

Die FAZ über Capain's Dinner: Hinter dem Horizont – Michael Herls "Captain's Dinner" im Stalburg Theater

Nein, sie kriegen sich nicht. Wäre ja noch schöner, wenn es jetzt auch hier so käme wie in Hollywood und auf dem Boulevard: Mann und Frau necken und misstrauen einander, um am Ende auf reichlich ausgetretenen Pfaden in den Sonnenuntergang, na ja, Sie wissen schon. Auf der Bühne des Frankfurter Stalburg Theaters, und in den Stücken Michael Herls herrschen seit jeher ein wenig andere Gesetze.

Zwar beginnt die Uraufführung von Herls "Captain's Dinner" tatsächlich fast wie im Märchen. Mit einem nicht mehr ganz jungen, bei einer Kreuzfahrt über Bord gegangenen Unternehmer, der sich auf einer traumhaft schönen Insel wiederfindet, mit einer womöglich vor der Welt in dieses Paradies geflohenen Schönen. Bis zur Pause entwickelt sich das von Katja Lehmann mit langem Atem inszenierte Stück in einigermaßen vorhersehbaren Bahnen. Andreas Wellano spielt seinen Wolfgang als verkaterten, grantelnden und schlechtgelaunten Selfmademillionär, Undine Schmiedl ihre Sabrina als scheues, aber nicht auf den Mund gefallenes Mädchen. Und doch lässt einen das Geschehen vom ersten Augenblick an nicht mehr los. Das ist weniger dem Stück als der dichten Atmosphäre der Inszenierung und den beiden schlicht wunderbaren Schauspielern zu verdanken, denen man nachgerade dabei zusehen kann, wie sie aus ihren Rollen Charaktere herauspräparieren. Nach der Pause geht es dann fast etwas zu schnell. Wolfgang nimmt die Dinge entschlossen in die Hand. Er fischt und jagt und macht und tut und dringt mit Sabrina allmählich wie nebenbei zu jenen Fragen vor, um die sich Herls Stücke im Grunde schon seit "Sperrmüll" drehen: was das denn ist, das Leben, was es ausmacht und was bleibt, was also wirklich zählt, ist man nur ehrlich mit sich, mit den anderen und mit der Welt.

Von den Ideen, die man einmal hatte, von Hoffnungen, Enttäuschungen und verwehten Träumen auf eine Weise zu erzählen, die unterhaltsam ist, ohne oberflächlich zu sein, komisch, aber nicht albern, rührend, aber nicht vor Rührseligkeit triefend, das zeichnet Herls Theater seit jeher aus. Klingt schlicht, ist aber immer wieder ein gewagtes Unterfangen. Wo es gelingt, bleibt alles leicht und ohne falschen Ton. Mag sein, das Ende von "Captain's Dinner" ist tatsächlich fast zu schön, um wahr zu sein, mit großen Plänen, neuer Zuversicht und allem Drum und Dran. Im Grunde aber fängt für Wolfgang und Sabrina hinter dem Horizont erst alles an. Und darum geht es. Das Premierenpublikum war hingerissen.


Christoph Schütte, 9. Januar 2017